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Alejandro Jodorowsky, © Ana Bolivar

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Alejandro Jodorowsky: Das tarotische Denken

Die Arkana haben vielfältige Bedeutungen, sie reichen vom Besonderen zum Allgemeinen, vom Offensichtlichen zum Außergewöhnlichen. Jedes Arkanum muss als eine Gesamtheit von Bedeutungen betrachtet werden. Diese Bedeutungen haben je nach dem kulturellen System des Kartenlesers mehr oder weniger Gewicht.

Alejandro Jodorowsky, Marianne Costa: Der Weg des TarotIm Grunde ist jeder Mensch ein Arkanum. Verbringen wir auch unser ganzes Leben an der Seite eines anderen Menschen, so können wir doch nie behaupten, ihn ganz zu kennen. Wir sind an seine Gedanken, Gefühle, Wünsche, Gesten, Routinehandlungen gewöhnt, aber ein beliebiges außerordentliches Ereignis (eine Krankheit, ein Unglück, ein Fehlschlag oder Erfolg) reicht aus, damit wir in diesem Menschen ungewohnte Aspekte zu sehen bekommen, die uns angenehm oder schmerzlich überraschen können. Ein Teil der Wirklichkeit ist unser Denken, das, was wir für Wirklichkeit halten. Ein Teil der Persönlichkeit des Anderen ist das, was wir auf ihn projizieren. Die Fehler oder Qualitäten, die wir in anderen sehen, sind auch unsere eigenen. Unerwartete Verhaltensweisen, mit denen die Welt und unsere Mitmenschen uns überraschen, rufen Reaktionen hervor, die von unserer Bewusstseinsstufe abhängen. Auf einer wenig entwickelten Bewusstseinsstufe erschreckt uns jede Veränderung, sie macht uns misstrauisch, schlägt uns in die Flucht, lähmt uns, verärgert uns oder reizt uns zum Angriff. Ein entwickeltes Bewusstsein akzeptiert den kontinuierlichen Wandel und geht vertrauensvoll, ohne Ziele voran, genießt das gegenwärtige Leben und baut Schritt für Schritt die Brücke, die über den Abgrund führt.

Um die Karten auf heilende Art lesen zu können, musste ich zuerst meine Antipathien und Sympathien überwinden. Jeder Bewohner unserer Welt repräsentiert einen anderen, neuen Blickpunkt, den es vor seiner Geburt noch nicht gab. Etwas Originelles, Einzigartiges. Stirbt ein uns lieber Mensch, haben wir das Gefühl, das ganze Universum sei nun leer ... Wer auch immer der Fragende ist – er verdient es, dass wir ihn als ein göttliches Werk achten, ein Werk, das sich nie wieder wiederholen und der Welt möglicherweise den Samen eines unbekannten Gutes schenken wird.

Da es unmöglich ist, den anderen in seiner Gesamtheit zu erfassen, kann man ihn auch unmöglich beurteilen. Ob ein Ereignis positiv oder negativ bewertet wird, gehört nicht auf die Tatsachenebene; das sind rein subjektive Interpretationen. Aus Ehrerbietung dem Fragenden gegenüber ist es immer vorzuziehen, die positive Deutung zu suchen.

Ein Baum versenkt seine Wurzeln in der Erde und hebt gleichzeitig die Äste zum Himmel. Das Licht ist unendlich, die Finsternis ist unendlich. In dem Leid zu graben, das unser Unbewusstes birgt, führt dazu, uns mit dem Leid der ganzen Menschheit zu durchtränken, der Schmerz ist unendlich. Sind Trauer und Zorn erst einmal ausgedrückt, ist es nützlicher, nach den Werten zu suchen, die wie Schätze in unserem essentiellen Wesen verborgen liegen. Der Frieden ist unendlich.

Exaktheit und Präzision sind in einer sich ständig wandelnden Wirklichkeit Hindernisse für das Verständnis.

Der Wunsch nach Perfektion, nach Exaktheit und Präzision, nach der Wiederholung des Bekannten und Etablierten, ist eine Manifestation eines starren Verstandes, der Veränderungen und Neues fürchtet, ebenso wie Fehler und die beständige Unbeständigkeit des Kosmos. Diese dickköpfig rationale Haltung stellt sich dem tarotischen Denken entgegen, welches dem poetischen Denken gleicht. Der Dichter Edmond Jabès sagte einmal: „Zu sein heißt, das Labyrinth einer Frage zu befragen, die keine Antwort enthält.“

Leseprobe aus „Der Weg des Tarot“