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Nick Dudka und Sylvia Luetjohann
Tibetische Meditationspraxis in Bildern
Wolfgang Jünemann
Thangka-Kalender 2008
zum Thangka-Special
Tibetische Kunst
Die tibetische Tradition der Rollbilder (Thangkas)
Die Tradition von Rollbildern ist in Tibet sehr weit verbreitet, was sich durch den großen Bevölkerungsanteil an Nomaden erklärt. Schon die lokalen Herrscher reisten umher und errichteten an verschiedenen Orten ihre Lager, wo sie in Zelten Gericht hielten. Dieser Brauch wurde später auch von den religiösen Orden übernommen, und das nomadisierende
Klosterleben war ein fester Bestandteil der tibetischen Kultur; zum Beispiel ist das tibetische Wort gar, das ursprünglich „Nomadenlager“ bedeutet, noch heute ein gebräuchliches Synonym für „Kloster“ . Die Mönche führten auf ihren Reisen alles mit sich, was sie für die Ausübung ihrer Religion brauchten, unter anderem tragbare Altäre und Rollbilder als Ersatz für die Wandmalereien in den Tempeln. Auch als immer mehr Klöster entstanden, wurden Thangkas weiterhin als bar Rollbilder gemalt und in den Gebäuden aufgehängt. Gewöhnlich werden Thangkas auf Leinwand, manchmal auch auf Seide gemalt. Nach Fertigstellung werden sie mit verschiedenfarbigen Brokaten eingefasst. In der Mitte der Einfassungen unter dem Bild stellt ein Quadrat aus besonders fein gearbeitetem Brokat eine Art „Tor“ dar, welches den Eingang in die dargestellte andere Dimension versinnbildlicht. Zum Schutz werden die Malereien mit einem Vorhang aus roten und gelben Seidenstoffen bedeckt, über denen zwei rote Bänder hängen. Diese lungnön oder „Windhalter“ sind ein Überbleibsel aus den Zeiten, als die Thangkas noch in Zelten hingen und zur Sicherheit gegen Windböen an der Zeltwand angebunden werden mussten. Oben und unten werden Holzstäbe in die Brokate eingezogen. Ursprünglich wurden solche Rollbilder von umherwandernden Geschichtenerzählern als visuelle Hilfen zur Veranschaulichung ihrer Erzählungen verwendet. Im Laufe der Zeit wurden diese Kunstwerke dann zu religiösen Bildwerken, die zu Lehrzwecken und bis heute als Objekte der Verehrung genutzt werden. Hauptsächlich dienen sie aber als Meditationshilfen und werden in den höheren tantrischen Praktiken zur Verfeinerung der meditativen Visualisierung genutzt.
Einer der wenigen derzeit lebenden Thangka-Künster, der getreu nach altem Stil malt, ist der in Burjatien im Osten Russlands lebende Maler Nick Dudka. Er hat über zwanzig Jahre lang die heilige Kunst Tibets studiert, ihre Proportionen und Zeichnungen tief in sich aufgenommen. Liebe und Achtsamkeit für die traditionelle Malerei spiegeln sich in seinen Werken.
Tibetische Musik
Musik und Spiritualität haben sich zu allen Zeiten gegenseitig genährt und befruchtet. Dies kann man in besonderem Maße an der Kultur Tibets verfolgen. Der Tibetische Buddhismus umfasst Werte wie Mitgefühl, Liebe, Frieden, Einklang mit allen Lebewesen. Die tibetische Musik übermittelt die Essenz dieser Kultur. Bis zum 6. Jahrhundert lassen sich Zeugnisse der Existenz dieses Klangsystems zurückverfolgen. Von der schlichten Tonflöte ging die Entwicklung hin zu aufwändigen Bambusvarianten, Über China und Kashmir kamen weitere Instrumente ins Land: Mandolinen und Trommeln, die ebenfalls immer weiter perfektioniert wurden. Die Lieder, Hymnen und Mantren aus Tibet wurden von einer Generation an die nächste weitergegeben. Während wir im Westen uns sowohl musikalisch als auch allgemein auf die Entwicklung unseres intellektuellen Individualismus konzentriert haben, ging es in der tibetischen Musik mehr um die Öffnung des Bewusstseins in Richtung geistiger Ideale und Wirklichkeiten. Tibets Kunst und Musik regen zur tiefen Innenschau an; zur Wahrnehmung der Stille, des mystischen Nichts und zur Entwicklung fundamentaler Werte wie Liebe, Harmonie und Frieden.
Tibetische Literatur
Ähnlich wie bei den tibetischen Thangka-Bildrollen entfaltet sich auch im Kosmos der tibetischen Erzählliteratur ein großer Farben- und Bilderreichtum. So gibt es zahlreiche Weisheitsgeschichten, die zu einer uralten, zumeist nur mündlich überlieferten Tradition gehören und oft direkt vom Lehrer an den Schüler, von Herz-Geist zu Herz-Geist, weitergegeben wurden. Die mündliche Überlieferung ist auch Grund dafür, dass es von nahezu allen Geschichten zahllose Varianten gibt. Geschichten über das Leben von erleuchteten Meistern können den Zuhörer oder Leser inspirieren. Sie sind fette Nahrung für erleuchtungshungrige Geister und können ermutigen, die gewonnenen Erkenntnisse im Alltag umzusetzen. Zu ihrem Beispielcharakter gesellt sich ebenso feinsinniger wie oftmals auch donnernder Humor mit jener Magie, die Scheinheiligkeit und spirituellen Materialismus zu enttarnen weiß.
Natürlich bin ich glücklich!
Als sich der amerikanische Naturforscher und Schriftsteller Peter Matthiessen auf einer Exkursion im tibetischen Grenzgebiet Dolpo befindet, gelangt er auch zur Shey Gompa, dem Kristall-Kloster auf 4500 Meter Höhe. Doch das Kloster ist verschlossen und der Lama von Shey lebt in einer Einsiedlerklause auf einer Felsenklippe hoch über einem Fluss. Er ist ein Tulku und wird im ganzen Land Dolpo als die gegenwärtige Wiederverkörperung des großen Marpa verehrt, dem Lehrer Milarepas und Mitbegründer der Kagyü-Schule. Als die Westler dem Lama in der Einsiedelei schließlich einen Besuch abstatten, scheint er sich darüber zu freuen. Er ist 52 Jahre alt, ein großer imposanter Mann, der ein wenig an einen Prärie-Indianer erinnert, nicht mit Roben, sondern mit einer alten, mit bunten Flicken besetzten Lederjacke bekleidet. Wie Milarepa hat er ein ganz der Meditation gewidmetes Einsiedlerleben gewählt. Bis vor etwa zehn Jahren konnte er noch den um den Kristall-Berg herumführenden Pilgerpfad beschreiten, doch nun wird er durch Arthritis so in seiner Bewegungsfähigkeit gehindert, dass er sich nur noch mit verdrehten Füßen humpelnd und unter großen Schmerzen auf Krücken fortbewegen kann. Trotzdem ist er fröhlich, lächelt oft und strahlt große Güte aus – ja, er scheint offensichtlich ein äußerst glücklicher Mensch zu sein. Die Frage, wie er wohl zu der Einsamkeit und dem Schweigen der Einsiedelei steht, die er wegen seiner kranken Beine seit acht Jahren nicht mehr verlassen hat und wohl auch nie wieder wird verlassen können, die Frage, ob er denn hier glücklich sei, stellt ihm auch etwas verlegen Peter Matthiessen. Doch der Lama von Shey stimmt in großer Offenheit und natürlicher Einfachheit ein geradezu ansteckendes Gelächter an, zeigt ohne jede Spur von Selbstmitleid auf seine Beine, breitet dann die Arme zum Himmel, zur Sonne, zu den Schneebergen, der ganzen grandiosen Natur aus und sagt in voller Überzeugung: »Natürlich bin ich glücklich! Es ist wunderbar hier! Besonders, da ich keine andere Wahl habe!«
Leseprobe aus
„Tantrische Weisheitsgeschichten" von Sylvia Luetjohann
