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Chögyam Trungpa
Mudra – Gesten der Weisheit
Meditation: Mehr als „Wellness“ des Geistes
Ein wesentliches Element der buddhistischen Praxis ist die regelmäßige Meditation. Die Schulung des Geistes, verbunden mit der Fokussierung auf den gegenwärtigen Augenblick, hat eine lange Tradition. So war es vor allem die regelmäßige Meditation, die Siddharta Gautama, den späteren Buddha, zur Erleuchtung geführt hat. Mittlerweile wird Meditation in Volkshochschulen ebenso gelehrt wie in Seminarhäusern und auf Workshops. Durch Achtsamkeits- und Konzentrationsübungen soll sich der Geist beruhigen und sammeln. Das Ziel des Meditierenden ist, innere Leere und Stille zu erreichen: einen Zustand frei von Gedanken, in Verbindung mit dem Gefühl, Eins zu sein, mit allem, was ist. Der legendäre Weisheitslehrer Chögyam Trungpa Rinpoche schreibt:
Meditation ist ein weites Feld: Im Laufe der Zeit hat es viele Entwicklungen und in den verschiedenen religiösen Traditionen viele verschiedene Varianten von Meditation gegeben. Allgemein gesprochen gibt es jedoch zwei Grundformen der Meditation: Die erste geht aus den Lehren hervor, die sich mit der Entdeckung des Wesens der Existenz beschäftigen; die zweite bezieht sich auf die Kommunikation mit der äußeren oder universellen Gottesvorstellung. In beiden Fällen ist Meditation der einzige Weg, um die Lehren in die Praxis umzusetzen.
Wo es die Vorstellung von einem äußeren „höheren“ Wesen gibt, da ist auch eine innere Person vorhanden, die als „Ich“ oder „Ego“ bezeichnet wird. In diesem Falle wird die Meditationspraxis zu einer Methode, um die Kommunikation zu einem äußeren Wesen herzustellen. Das bedeutet, dass man sich für unterlegen hält und den Versuch macht, in Kontakt mit etwas Höherem, etwas Größerem zu treten. Solche Meditation beruht auf Hingabe. Sie ist grundsätzlich eine nach innen gerichtete oder introvertierte Praxis, die in den Lehren des Hinduismus sehr verbreitet ist. Hier liegt die Betonung darauf, in den inneren Zustand des Samadhi, in die Tiefen des Herzens zu gelangen. Eine ähnliche Technik wird auch in den christlich-orthodoxen Lehren praktiziert, wo das Herzensgebet verwendet und die Konzentration auf das Herz betont wird. Dies ist ein Mittel, um sich mit einem äußeren Wesen zu identifizieren, und erfordert die eigene Reinigung. Dem liegt die Vorstellung zugrunde, dass man zwar von Gott getrennt ist, aber immer noch eine Verbindung besteht und man immer noch ein Teil Gottes ist. Daraus entsteht manchmal Verwirrung, und um diese zu klären, muss man innerlich an sich arbeiten und versuchen, das individuelle Niveau auf die Ebene eines höheren Bewusstseins zu heben. Diese Herangehensweise benutzt Emotionen und Andachtsübungen, die das Ziel haben, Kontakt zu Gott, zu mehreren Göttern oder zu einem bestimmten Heiligen herzustellen. Zu diesen Andachtsübungen kann auch die Rezitation von Mantras gehören.
Die andere Hauptform der Meditation hat einen fast völlig entgegen gesetzten Zugang, obwohl sie letztlich zu den gleichen Ergebnissen führen kann. Hier gibt es keinen Glauben an etwas Höheres und Niederes; die Vorstellung von verschiedenen Ebenen oder der Gedanke, sich in einem unterentwickelten Zustand zu befinden, taucht nicht auf. Man fühlt sich nicht unterlegen und versucht nicht, etwas Höheres zu erreichen. Deshalb verlangt diese Meditationspraxis keine innere Konzentration auf das Herz. Es gibt überhaupt keine Vorstellung, die sich auf einen zentralen Punkt bezieht. Selbst solche Übungen, die sich auf die Chakras oder psychischen Zentren im Körper konzentrieren, werden anders angegangen. Obwohl der Begriff der Chakras in bestimmten buddhistischen Lehren erwähnt wird, beruhen die mit ihnen verbundenen Übungen nicht darauf, ein inneres Zentrum zu entwickeln. Diese Grundform der Meditation befasst sich mit dem Versuch, das zu sehen, was ist. Diese Form der Meditation hat viele Varianten, die im Allgemeinen aber auf unterschiedlichen Techniken beruhen, sich zu öffnen. Der Erfolg dieser Art von Meditation ist daher nicht das Ergebnis einer langwierigen, mühsamen Praxis, mit deren Hilfe wir in einen „höheren“ Zustand gelangen, und sie erfordert auch nicht, uns in irgendeinen inneren Trancezustand zu versetzen. Es handelt sich vielmehr um etwas, das man „Arbeitsmeditation“ oder extrovertierte Meditation nennen könnte, wobei geschickte Mittel und Weisheit wie die zwei Schwingen eines Vogels miteinander verbunden werden müssen. Es geht nicht darum, sich aus der Welt zurückziehen zu wollen. Tatsächlich wäre es fast unmöglich, Meditation ohne die äußere Welt, die Welt der sichtbaren Erscheinungsformen, zu praktizieren, denn die individuelle und die äußere Welt sind nicht voneinander getrennt, sondern existieren nur zusammen. Daher taucht die Vorstellung, eine Verbindung zu einem höheren Wesen herzustellen und mit diesem eins zu werden, gar nicht auf.
Bei dieser Art von Meditationspraxis spielt die Vorstellung von Jetztheit eine sehr wichtige Rolle. Dies ist in der Tat das innerste Wesen der Meditation. Was wir auch tun, was wir auch zu praktizieren versuchen, beabsichtigt nicht, einen höheren Zustand zu erreichen oder einer Theorie, einem Ideal zu folgen, sondern ohne ehrgeiziges Streben oder einen bestimmten Zweck einfach zu erkennen, was hier und jetzt ist. Wir müssen des gegenwärtigen Augenblicks gewahr werden durch solche Mittel wie die Konzentration auf den Atem, eine in der buddhistischen Tradition entwickelte Praxis. Diese beruht auf der Entwicklung des Wissens von Jetztheit, denn jede Atmung ist einzigartig und ein Ausdruck des Jetzt. Jeder Atemzug ist vom nächsten unterschieden und kann genau wahrgenommen und gespürtwerden. Dies geschieht nicht in Form einer Visualisierung oder lediglich als Konzentrationshilfe, sondern man sollte sich voll und ganz darauf einlassen: ebenso wie sich ein völlig ausgehungerter Mensch beim Essen nicht einmal bewusst ist, dass er isst. Er ist derart in das Essen vertieft, dass er sich völlig mit dem identifiziert, was er tut, und fast eins wird mit dem Geschmack und dem Genuss daran. Ähnlich verhält es sich auch mit der Atmung.
Leseprobe aus:
Aktive Meditation von Chögyam Trungpa
